Felix Stephan

American Colony Hotel


 

Jetzt, da alles vorbei war, saßen Mark und ich in der Lobby des American

 Colony Hotels und tranken die Flasche Rotwein, die man uns zugeteilt

hatte. In unserer automatischen Buchungsbestätigung stand, dass das

eine Sonderaktion des American Colony Hotels sei: Weil wir unsere

Zimmer über ein bestimmtes Reservierungsportal gebucht hätten,

bekämen wir den Rotwein kostenlos. Nachdem wir jedoch mit den anderen

Teilnehmern des „Jerusalem Festivals for adventurous art“ gesprochen

hatten, stellte sich heraus, dass man uns bezüglich des Rotweins

belogen hatte. Die Aktion war nicht auf unser Hotel beschränkt, vielmehr

handelte es sich um eine konzertierte Rotwein-Offensive der israelischen

Regierung. Jeder ausländische Hotelgast bekam in diesen Tagen, da

wegen des Festivals viele Ausländer in der Stadt waren, eine Flasche

israelischen Rotwein auf den Nachttisch gestellt. Wir hatten einen

„Yarden – Mount Hermon Red“ erwischt.

Um mich international zu vernetzen, hatte ich meine erste interaktive

Performance auf Englisch verfasst. Die Performance war eine

hintergründige Kritik unserer emotionalen Disposition im digitalen Zeitalter,

und Mark war der einzige Darsteller. Nach der Uraufführung vermittelte

unser Institut die Performance an verschiedene internationale Festivals

für digitale Medienkunst, um es für den Höhepunkt der Saison in Stellung

zu bringen, die „transmediale“ in Berlin. Gerüchteweise hörte ich, dass

meine Performance dort gute Chancen hatte, den Slot am Freitagabend

zu besetzen. Nach diesem aufregenden Höhepunkt, das wusste ich ganz

bestimmt, würde ich in ein tiefes emotionales Loch fallen.

Darauf war ich gut vorbereitet. Seit dem dritten Semester belegten wir

in unserem Institut Programme, die uns auf diese Krise vorbereiteten.

Deswegen hielt sich meine Nervosität in Grenzen. Unsere Professoren

hatte uns viel von diesen Krisenzuständen erzählt, trotzdem hatte ich

natürlich nur eine ungefähre Vorstellung. Obwohl es regalmeterweise

Literatur dazu gab, erlebte jeder die Krise letztlich auf seine eigene

Weise. Sobald wir von der Depression erfasst wurden, waren wir

aufgefordert, uns im Sekretariat des Instituts zu melden. Was dann

passierte, hatte ich häufig als Zuschauer erlebt: Man bekam erstmals

Zutritt zu den Clubräumen, die sich im obersten Stockwerk des

Institutsgebäudes befanden, und es wurde empfohlen, den Clubbereich

auch nicht mehr zu verlassen, bis das große Fest stattfand. Diese

Periode dauerte etwa ein bis zwei Wochen. Dann richtete das Institut

ein Fest zu Ehren des Depressiven aus, der ganze Jahrgang und viele

Absolventen versammelten sich dort. Und wenn die Gerüchte stimmten

und ich tatsächlich den „transmediale“-Slot am Freitagabend bekommen

würde, würde ich mich bald im Sekretariat melden müssen. Dann war ich

an der Reihe, nach Jahren der Vorbereitung. Meine erste echte Krise.

Mark und ich waren die jüngsten Teilnehmer des „Jerusalem Festivals

for adventurous art“. Mark war ein braunäugiger, lockiger Mittzwanziger

mit starkem Sexappeal, aber ohne irgendwelche Interessen, der in

Hotellobbys wie dieser eine seltsam gravitätische Magie entfaltete.

Überhaupt hatte er die Gabe, in jedem Umfeld den Eindruck zu

vermitteln, es sei ihm durch und durch vertraut, während ich im Gegenteil

stets recht lange brauchte, um mich an neue Situationen heranzutasten.

Mark trug ein lila Sakko, ein rotes Hemd und eine sandfarbene Hose,

dazu weiße Loafers. Im Flugzeug war ihm aufgefallen, dass man

seine Locken hier leicht für einen Jewfro halten konnte, während sie

in Berlin eher französisch wirkten. Er sagte, dass er in Jerusalem gar

nicht auffallen würde, und das schien ihn aus irgendeinem Grund sehr

glücklich zu machen. Ich sagte, dass das echt rocke, und dann gaben wir

uns im Flugzeug High Five.

Als wir dann aber in Jerusalem aus dem Flugzeug gestiegen sind,

wirkte Mark schlagartig verunsichert, weil er sich in den Gesichtern

der Leute auf der Straße überhaupt nicht erkannte, obwohl ihm viele

Passanten äußerlich wirklich recht ähnlich sahen. Das schien ihn

seltsam zu isolieren. „Tel Aviv ist anders“, sagte ich im Taxi zu ihm, aber

weder wusste ich, ob das überhaupt stimmte – ich hatte es selbst nur

gerüchteweise gehört –, noch schien ihn diese Information aufrichten zu

können.

Die Abschlussfeier des „Jerusalem Festivals for adventurous art“ fand

heute Abend auf der Dachterrasse des King David Hotels statt, nur ein

paar Hundert Meter von hier. Bis dahin hatten wir noch ein paar Stunden.

Jerusalem war freundlich zu uns gewesen, meine Performance hatte

minutenlangen Applaus bekommen, und Mark hatte mich zu sich auf

die Bühne geholt. Der Restaurantbereich, in dem wir jetzt unser letztes

Abendessen als Festival-Members serviert bekamen – Mark entschied

sich für die internationale Variante, während ich die koschere auspro

bierte –, war in einer Farbe gestrichen, die an das Fruchtfleisch der

Charentais-Melone erinnerte. Durch die offenen Fenster wehte warme

Luft zu uns herüber. Aus unsichtbaren Lautsprechern kam das Album

„Moon Safari“ von Air, was uns angenehm rührte, gerade weil es ein Album

aus unserer Vergangenheit war. Diese sommerliche Melancholie, die das

Album „Moon Safari“ in uns schon immer ausgelöst hatte, hatten wir nie

so intensiv empfunden wie jetzt, da wir es bisweilen in Wartesälen und

Restaurants zufällig wieder hörten.

Ein italienischer Architekt hatte mir einmal eine Geschichte über den

Platz vor der großen Al-Aqsa-Moschee erzählt: Während der Herrschaft

der Osmanen sei es ein muslimisch geprägter Platz gewesen, der aber

Angehörigen aller Religionen stets offen gestanden habe. Als aber die

Briten gekommen seien, hätten sie im Sinne der Völkerverständigung

einen Wochenplan eingeführt: Jede Religion durfte den Platz nur noch

an bestimmten Wochentagen benutzen. Auf diese Weise sollte verhindert

werden, dass es zu Konflikten kam. In Wirklichkeit, so hatte der italienische

Architekt gesagt, sei das aber der Grundstein für all die Kriege un

Konflikte gewesen. Es sei alles damit losgegangen, dass die Muslime und

die Juden und die Christen nicht mehr gemeinsam auf dem Platz vor der

Al-Aqsa-Moschee in der Sonne liegen durften.

Nach dem Essen waren wir müde, und wir beschlossen, erst nach

Mitternacht auf die große Abschlussparty im King David Hotel zu gehen

und vorher ein oder zwei Stunden zu schlafen. Wir würden erst spät bei

der Veranstaltung auftauchen, wie wir es in Europa auch immer taten. Ich

mochte die Idee, am Abend ein wenig zu schlafen, man ging dann frischer

und optimistischer auf andere Leute zu, und außerdem verschlief ich gern

mit Mark den Sonnenuntergang. Die Kalbsbällchen, der Arak und die Hitze

hatten ihn schläfrig und milde gemacht, aber als auch ich in sein Zimmer

abbog, legte er mir die Hand auf die Brust, gähnte und sagte: „Das ist mein

Zimmer, stupid.“

Ich sagte leise „of course“ und blieb auf dem Gang stehen, bis er die

Tür geschlossen hatte. Dann ging ich auf mein Zimmer, duschte, cremte

mich ein und machte vierzig Liegestütze. Ich wickelte mir das feuchte

Handtuch um die Hüften und rauchte eine Zigarette auf dem Balkon,

wobei der warme Wind langsam meine Haare trocknete.

Mark hatte vor drei Wochen das Angebot von Chandran Nair

angenommen, mit ihm gemeinsam dafür zu kämpfen, dass sich Asien

endlich von den ideellen Ketten des Westens befreite. Chandran Nair

war ein Unternehmer, der als Kind indischer Einwanderer in Malaysia 

geboren wurde und aus dem Nichts die größte Umweltberatungsagentur 

Asiens aufgebaut hatte. Seine Eltern hatten in einer Lehmhütte gelebt, er

bezahlte heute für sein Apartment in Hongkong die vierthöchste Miete der

Welt. Das Programm, das Mark in Zukunft in der Öffentlichkeit vertreten

würde, hieß „100.000 PHD’s“. Chandran Nair würde 100.000 asiatische

Studenten dafür bezahlen, dass sie nicht nach Harvard oder an die

Columbia gingen. Und Mark sollte den Europäern begreiflich machen,

dass eine neue Zeit angebrochen war.

Natürlich musste Mark das Angebot annehmen. Er war immer ein großer

Kämpfer gewesen. In einem anderen Jahrzehnt wäre er ein großartiger

Soldat geworden, so wurde er ein entschlossener Besucher verwegener

 Festivals, die auf Waldlichtungen im Berliner Umland stattfanden. In vier

 Tagen würde er mit Emirates nach Hongkong fliegen und dort seinen

 neuen Job antreten. Als er mir davon erzählte, sagte er, er könne nicht

 länger Schauspieler sein, er habe genug davon, sich zu verstellen. Er

 wolle die Wirklichkeit spüren.

 „Ich werde auch das Institut verlassen.“

 „Aber du hast doch keine Ahnung, was dich außerhalb des Instituts

 erwartet. Kannst du dich an ein Leben ohne das Institut überhaupt

 erinnern?“

 „Nein. Not a bit.“

 Beim Roomservice bestellte ich eine halbe Flasche Akra und rauchte

 etwas von dem Gras, das Mark gestern von einem Spaziergang

mitgebracht hatte. Dafür benutze ich die vergilbte Zigarettenspitze aus

Perlmutt, die Mark von seiner Großmutter geerbt hatte und die ich einmal

habe mitgehen lassen, weil ich sah, wie er sie ignorierte. Ich lutschte

und lutschte an dieser Zigarettenspitze, wie seine Großmutter und seine

Mutter und er daran gelutscht hatten, und massierte mich dabei.

Ich habe Mark bei einem Workshop unseres Instituts kennengelernt,

bei dem introvertierte Studenten gegeneinander in einer argentinischen

Boxing-Variante kämpfen sollten, die die rohe Sportart Boxen mit der

stolzen Verletzlichkeit des Tangos verband. Im besten Falle kam dieser

Kampfsport ganz ohne Schläge aus. Viele dieser Boxmatches endeten,

ohne dass sich die Kontrahenten auch nur ein einziges Mal berührt

hätten. Das war sogar erwünscht, denn man ging davon aus, dass das

gemeinsame Erlebnis stärker war, je weniger sich die Kontrahenten

berührten.

Mark war der Leiter dieses Workshops, nicht weil er besonders sportlich

war, sondern weil er so beliebt war. Denn darum ging es in diesem

Workshop: Wir sollten lernen, souverän mit Beliebtheit umzugehen. Und

deshalb ging Mark während des Kurses von Teilnehmer zu Teilnehmer

und lobte ihn für die unwahrscheinlichsten Dinge. Mich hatte er dafür

gelobt, dass ich über eine gute Kopfhaltung verfügte. Bereits nach einem

Semester konnten wir ehemalig introvertierten Institutsneulinge souverän

Zuspruch empfangen, vielleicht sogar auf einem Level, das ein wenig

über dem Durchschnitt unseres Instituts lag. Nach dem Workshop gingen

wir immer gemeinsam in die Sauna und nahmen trübe, isotonische Drinks

zu uns. An unserem Institut war es auch üblich, dass sich Kursleiter und

Teilnehmer gemeinsam umzogen, und nachdem Mark einmal aus der

Dusche gekommen war, habe ich ihn gefragt, ob er in einem Kurzfilm

mitspielen wolle, den ich gerade plante und der später die Grundlage für

meine Performance wurde.

„Aber ich habe nie einen Schauspiel-Workshop belegt.“

„Ich habe einfach das Gefühl, dass du der Richtige sein könntest.“

Er hob die Schultern und sagte zu. Ich habe dann ständig versucht, ihm

zu erklären, worum es in dem Film implizit gehen würde, also auf der

inneren Bedeutungsebene. Er sah mich während meiner Ausführungen

immer aufmerksam an, aber ich merkte, dass er leicht abwesend war,

nicht ganz bei mir. Und dieses Gefühl habe ich mit Mark eigentlich die

ganze Zeit, und das Seltsame ist, dass ich nie aufgehört habe, diese

Lücke zwischen uns schließen zu wollen.

Bei allen anderen Menschen spürte ich dieses Verlangen nicht, obwohl

ich das Gefühl dieser peinlichen Differenz sehr früh hatte, schon als Kind.

Je älter ich wurde, desto mehr gewöhnte ich mich jedoch an das Gefühl,

bis ich es schließlich kaum mehr wahrnahm, vielleicht ein wenig wie bei

 einem Tinnitus. Wenn ich heute zu Weihnachten bei meinen Eltern saß,

lachten wir darüber, was für ein seltsames Kind ich gewesen war und was

für ein Glück es sei, dass ich da einfach rausgewachsen bin.

Natürlich war ich nicht von selbst da rausgewachsen: Die Wandlung hatte

in meinem ersten Jahr im Institut eingesetzt. Je seltsamer ich meinen

Eltern vorkommen musste, desto besser fühlte ich mich in unserem

Institut aufgehoben, desto ähnlicher wurde ich allen anderen. Nach

meinem Abitur hatte ich mich bei verschiedenen Instituten beworben,

war jedoch nie über das Auswahlgespräch hinausgekommen und war

immer deprimiert und hoffnungslos in unser Haus in der Vorstadtsiedlung

zurückgekehrt. Bei dem Interview mit dem Institut, das mich dann

schließlich aufnahm, war ich bereits so niedergeschlagen, dass ich offen

von meinem Problem erzählte. Später erfuhr ich, dass das der Grund war,

aus dem man mich aufgenommen hatte. Wir waren hier alle so.

In den ersten Wochen nach meinem Einzug in das Studentenwohnheim

fühlte ich mich nervös und hilflos. Meine Hände zitterten ständig, sodass

ich mir kaum die Zähne putzen konnte, und pathetische Filmszenen,

die ich zuvor meistens als heimtückische Publikumsmanipulation

verstanden hatte, rührten mich jetzt zu Tränen. Ich hatte keinerlei

Abwehrmechanismen mehr, und als ich sah, dass es den anderen

Erstsemestern ähnlich ging, fragte ich unseren Film-Professor danach. Er

antwortete, dass das ganz normal sei. Jeder Student des neuen Jahrgangs

habe erst einmal Schwierigkeiten, sich an ein Umfeld zu gewöhnen, in

dem er keinen Widerstand mehr leisten müsse. Die emotionale Rüstung,

die wir uns über die Jahre zugelegt hätten, falle nun von uns ab. Das sei

im ersten Moment schmerzhaft, dann aber würden wir ein Stadium großer

Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit erreichen, die zu rauschenden

 Festen an abgelegenen Locations einladen würde. Deshalb finde die

 Erstsemesterparty auch immer erst zu Beginn des zweiten Semesters

statt, er freue sich bereits darauf, mich dort zu treffen.

Auf der Dachterrasse des King David Hotels liefen weiß gekleidete

Kellnerinnen herum und trugen silberne Tabletts mit grünen Drinks in

Reagenzgläsern. In den Drinks schwammen kleine schwarze Steinchen,

die aussahen wie Kandiszucker und die auch in den Zähnen festklebten,

als wäre es wirklich Kandiszucker, aber wenn man mit der Zunge

drüberfuhr, prickelte diese schwarze Masse auf angenehme Weise im

Mundraum. Dieses Prickeln hielt dann den ganzen Abend an.

Wir gerieten in eine Gruppe junger Absolventen von einem Londoner

Institut, mit dem wir enge Beziehungen pflegten. Einer von ihnen war

Gregory, ein dunkelhäutiger Bildhauer mit schmalen Augen. Er hatte

gerade für die Sets, die er für den Film „Great Ambience“ gebaut

hatte, der wiederum von unserem Institut produziert worden war, einen

Preis in Sundance bekommen. Vor zwei Jahren – bei einem unserer

gemeinsamen Festivals – hatte ich ihn in seinem kleinen Atelier in

London besucht, wo er einen Gipsabdruck meiner rechten Hand

anfertigte. Währenddessen lief übrigens auch „Moon Safari“, glaube ich,

wobei ich mich irren kann, denn vielleicht ergänze ich das jetzt auch nur

in der Rückschau, weil ich jetzt, da ich Gregory sehe, ähnlich berührt

und nostalgisch bin wie vorhin im Restaurant-Bereich des American

Colony Hotels. Ich habe damals ständig auf die weißen Gipsflecken auf

Gregorys schwarzer Haut gestarrt, diese getrockneten kleinen Sprenkel

auf seinen Wangen und auf seinem Hals. Ich hatte ja noch nie zuvor

schwarze Haut aus solch einer Nähe gesehen, weder an unserem

Institut noch in unserer Vorstadtsiedlung hat es je Schwarze gegeben.

Jetzt küssten wir uns zur Begrüßung auf die Wangen, er trug blass

pinke Shorts, ein extrem legeres, gelbes T-Shirt und weiße Sandalen.

Wir standen dann zusammen in unserer Gruppe und tranken diese

grünen Drinks. Kurz bevor wir anstießen, zog ich mir ein kleines

Stückchen Haut von der Oberlippe, das ich aber nicht ganz abbekam,

sodass es von der Lippe herabhing, während ich fröhlich „Cheers“

sagte, und ich hatte natürlich die ganze Zeit das Gefühl, dass das

alle sehen konnten. Ich spürte auch, wie der erste Schluck diesen

Hautfetzen in meinen Mund spülte, er aber immer noch an der Lippe

hing und von dem kleinen Drink-Rest, der immer wieder zurück ins Glas

läuft, wenn man absetzt, wieder hinausgespült wurde. Wegen dieses

kleinen Zwischenfalls sagte ich eine Weile nichts, bis Gregory sich

erkundigte, ob ich okay sei.

Und während ich mich dann zu Gregory drehte, konnte ich aus dem

Augenwinkel sehen, wie Mark im Rahmen eines Trinkspiels seine Nase

an der Nase eines der Londoner Professoren rieb. Das war das letzte

Mal, dass ich Mark gesehen habe. Das war das Bild, das ich neben den

anderen starken Momenten unserer Beziehung für immer im Gedächtnis

behalten würde. Das war mir unmittelbar klar, noch während es passierte.

Gregory und ich gingen dann an den Rand der Dachterrasse, wo die

Musik etwas in die Ferne rückte und man sich einbilden konnte, das

Tote Meer riechen zu können, oder es möglicherweise sogar wirklich

roch. „In dieser Richtung liegt der Gazastreifen“, sagte Gregory und

wies mit seinem Kopf in Richtung Süden. Dann lächelte er und zog eine

Parisienne aus der Tasche, offenbar kam er gerade aus der Schweiz. Ich

erinnere mich, dass er mich in seinem Atelier gefragt hatte, ob ich schon

einmal in der Schweiz gewesen sei, das sei nämlich sein Lieblingsland.

Er war damals 19 Jahre alt, und ich vermutete einen versteckten Vorwurf

an seine Eltern in dieser Bemerkung, weil sie nämlich nach London

ausgewandert sind und nicht nach Zürich. Wir schauten auf die Stadt, die

sich jetzt etwas beruhigte und eine trübere Färbung annahm. „Alle sollten

dieses Leben ausprobieren dürfen“, sagte Gregory dann leise. „Man

sollte Moët & Chandon ausschenken in den Armenvierteln dieser Stadt,

dann würde es schon etwas werden.“